Dr. Andreas Rabold

Prüf- und Produktingenieur am ift Rosenheim

Dipl.-Ing. Christian Burkhart

Inhaber des Akustikbüros Schwartzenberger und Burkhart

Dämmen und Dämpfen – Schallschutz und Raumakustik

„Bauakustik“ und „Raumakustik“ sind zwei gleichermassen wichtige Felder der Bauphysik, werden aber von Nicht-Spezialisten oft vermischt. Christian Burkhart, Inhaber des Akustikbüros Schwartzenberger und Burkhart und Vorsitzender des Fachausschusses Bau- und Raumakustik bei der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA), und Dr. Andreas Rabold, Schallschutz-Experte des ift Rosenheim, haben sich mit uns über Aufgaben und Ziele ihrer Fachgebiete unterhalten und bringen Verständlichkeit in die Akustik. 

Ralf Harder: Herr Dr. Rabold, worum geht es in der Bauakustik?

Dr. Andreas Rabold: Im Prinzip geht es um das Abhalten des Schalls. Bauakustiker machen sich über eine möglichst effektive Schalldämmung Gedanken. Oder anders ausgedrückt: Sie setzen sich mit der Schallübertragung durch trennende Bauteile oder Aussenbauteile auseinander.

Je nach Nutzung des zu schützenden Raums werden unterschiedliche Anforderungen an die Dämmung dieser Bauteile gestellt. Bei Trennwänden beispielsweise ist das die Luftschalldämmung des Bauteils. Sie wird durch das Schalldämm-Mass R gekennzeichnet, das den Widerstand des Bauteils gegenüber dem Schalldurchgang beschreibt.

Bei Trenndecken ist zudem die Trittschalldämmung zu berücksichtigen, die durch den Norm-Trittschallpegel Ln gekennzeichnet wird. Hier wird nicht der Widerstand des Bauteils beschrieben, sondern wie stark es den Trittschall überträgt. Damit ist auch leicht verständlich, dass die Luftschalldämmung eines Bauteils umso besser ist, je grösser das bewertete Schalldamm-Mass Rw ist, die Trittschalldämmung hingegen umso besser, je kleiner der bewertete Norm-Trittschallpegel Ln,w ist.

Ralf Harder: Und wie ist das mit der Raumakustik, Herr Burkhart?

Christian Burkhart: In der Raumakustik möchten wir uns nicht primär vor dem Schall schützen, sondern sind bemüht, eine gute Hörsamkeit in Räumen zu schaffen. Das meint, dass die Räume je nach Nutzung eine gute Sprachverständlichkeit aufweisen oder die optimale Übertragung von Musik gewährleisten. Weil häufig in Räumen beide Nutzungen gewünscht sind, ist das eine grosse Herausforderung, die es technisch zu lösen gilt.

Leider wird die Raumakustik häufig dem Zufall überlassen, und die optische Gestaltung steht im Vordergrund. Dabei gibt es heute eine solche Vielzahl an Herstellern und Materialien, dass es kein Problem ist, eine gute Raumakustik im Einklang mit der optischen Gestaltung zu realisieren. Das wird durch moderne Architektur und geringe Möblierungen zunehmend auch in Wohngebäuden wichtig, aber meistens übersehen.

An dieser Stelle hat die Raumakustik dann auch einen Einfluss auf die Bauakustik. Zwar hat die Raumakustik keinen Einfluss auf die gemessene Schalldämmung, sie wirkt sich jedoch positiv auf die persönliche Wahrnehmung aus und kann damit subjektiv die Schalldämmung verbessern.

Ralf Harder: Im Holzbau scheint es innerhalb der einzelnen Bereiche zusätzliche Verwirrung zu geben. Wenn ich den Aufbau einer Decke kenne, weiss ich noch nicht, ob es poltert bzw. rumpelt, wenn jemand darauf läuft. Woran liegt das?

Dr. Andreas Rabold: Sie sprechen hier einen der Knackpunkte der Bauakustik an. Die für den Nachweis der Schalldämmung gebräuchlichen Einzahlwerte Rw und Ln,w werden in einem Frequenzbereich ausgewertet, der nur einen kleinen Ausschnitt des für den Menschen hörbaren Frequenzbereichs darstellt. Gerade bei der Trittschallanregung durch das Begehen einer Decke erfolgt die stärkste Anregung deutlich unterhalb 100 Hz. Der Ln,w wird hingegen für den Bereich von 100 bis 3150 Hz gebildet. Häufig hört deshalb der Bewohner Trittschall in einem Frequenzbereich, der durch den Ln,w gar nicht beurteilt wird.

Abhilfe kann hier durch die zusätzliche Beurteilung mit dem sogenannten Spektrumanpassungswert CI geschaffen werden, der auch im nach unten erweiterten Frequenzbereich bis 50 Hz ausgewertet werden kann (CI,50-2500). Anhand von Feldversuchen in unterschiedlichen Instituten und Ländern konnte gezeigt werden, dass der Zusammenhang zwischen dem subjektiven Empfinden der Trittschallübertragung durch den Bewohner und dem Messergebnis der Norm-Prüfung deutlich besser wird, wenn die Summe von Ln,w + CI,50-2500 ausgewertet wird. Für den Holzbau haben wir deshalb Konstruktionshilfen für Trenndecken erarbeitet, die eine sichere Ausführung unter Berücksichtigung dieser tieffrequenten Trittschallübertragung gewährleisten. Ein zweiter Knackpunkt ist die Beschäftigung mit den Schallnebenwegen. Die Schalldämmung eines Trennbauteils wird am Bau durch die Übertragung der flankierenden Bauteile beeinflusst. Das Bau-Schalldämm-Mass R‘w und der Norm-Trittschallpegel L‘n,w am Bau ergeben sich somit aus der energetischen Summe der direkten Übertragung und der Flankenübertragungen. Die Beiträge der Flankenübertragungen wurden in den letzten Jahren eingehend für die unterschiedlichen Holzbauweisen untersucht. Man ist dadurch inzwischen in der Lage, die Luft- und Trittschalldämmung am Bau für viele Konstruktionen und Bausituationen vorherzusagen.

In aktuellen Projekten soll die bauakustische Planung stärker in den Gesamtplanungsprozess eingebunden werden, um sowohl eine sichere Planung als auch einen rationelleren Ablauf und Kosten-Nutzen-optimierte Konstruktionen zu ermöglichen.

Ralf Harder: Muss ich denn immer die grösstmögliche Absorption und damit Schallreduktion erzielen?

Christian Burkhart: In welcher Ausprägung ich durch raumakustische Absorption Schall reduziere, hängt von der Nutzung und damit von den Zielvorgaben ab. Eine zu starke Bedämpfung kann auch problematisch sein. Grundsätzlich kann jeder Raum akustisch optimal gestaltet werden. Mit Hilfe moderner Computerprogramme ist es möglich, die Akustik detailliert zu berechnen. Insbesondere für Räume mit hohen Anforderungen ist eine derartige Planung zu empfehlen. Durch gezielte Auswahl und Platzierung von absorbierenden und reflektierenden Flächen lässt sich der Schall gezielt lenken und so eine ausgewogene Raumakustik erzeugen. Neben der rein technischen Betrachtung halte ich jedoch das persönliche Gefühl für die Räume und ihre Nutzer für sehr wichtig. Jeder Raum wird später von Menschen benutzt, deren Wohlbefinden muss letztlich im Vordergrund stehen.

Ralf Harder: Das heisst also auch, dass der Holzbau bei Auseinandersetzung mit dem Schallschutz, speziell der Tieftonproblematik, und mit der Raumakustik zusätzliche Marktpotenziale hat?

Dr. Andreas Rabold: Absolut. Im Holzbau sind bereits jetzt schalltechnische Lösungen möglich, die höchsten Ansprüchen genügen und von einzelnen Herstellern auch bereits eingesetzt werden. Wenn es dem gesamten Holzbau gelingt, diese wirtschaftlich umzusetzen und mit ästhetischen Kriterien zu kombinieren, dann können zugleich architektonische Ansprüche und bautechnische Qualitätsanforderungen bedient werden.

Christian Burkhart: Ja, Architektur ist ein wichtiges Stichwort: Der aktuelle Wunsch nach glatten Oberflächen kollidiert auf den ersten Blick häufig mit guter Raumakustik. Wir sollten aber langfristiger denken und Modeerscheinungen nicht überbewerten. Für glatte Oberflächen gibt es optisch verträgliche Lösungen, auch im Holzbau! Absorber auf Basis von Holzfasern sind breitbandig wirksam und können sich mit herkömmlichen Materialen absolut messen. Für die raumakustische Planung ist jedoch nicht immer der breitbandige Absorber der beste, auch wenn er natürlich für die generelle Bedämpfung eines Raumes hilfreich ist. Gute Raumakustik entsteht immer durch Kombination mehrerer Oberflächen, kein Raum ist wie der andere. Häufig werden bei bestimmten Tonhöhen gezielt Absorber mit hohen Absorptionsgraden gesucht, da bietet gerade der Werkstoff Holz mit kombinierten, teilweise mehrschichtigen Absorbern viele Möglichkeiten. Der Holzbau kann Akzeptanz gewinnen, wenn seine Bauteiloberflächen „minimalistischen“ Gestaltungsideen entgegenkommen.

Ralf Harder: Wohin bewegt sich die Normung bezüglich der Raumakustik und wie verhält man sich in gesetzlich ungeregelten Anwendungsbereichen, Herr Burkhart?

Christian Burkhart: Seit über 40 Jahren gibt es das Normblatt DIN 18041 „Hörsamkeit in kleinen bis mittelgrossen Räumen“, auf die auch die Schweizer SIA 181 hinweist. Lange fand es ausserhalb der Fachwelt wenig Beachtung, seit 2004 liegt eine neue, überarbeitete Fassung vor und inzwischen ist sie auch bei fast allen Architekten bekannt. Die DIN 18041 stellt heute die Regel der Technik dar und ist anzuwenden! Auch aus anderen gesetzlichen Vorgaben wie der Arbeitsstättenverordnung und Unfallverhütungsvorschriften ergibt sich die Notwendigkeit raumakustischer Massnahmen. Das betrifft vor allem schulische Gebäude, Kindergärten, Kindertagesstätten, hier gibt es klare Vorgaben, z.B. auch zur Minderung der Lärmpegel. Für den gesetzlich ungeregelten Bereich ist das kreative Nachdenken nicht verboten. Der vorhandene Gebäudebestand hinkt den Vorgaben deutlich hinterher, hier besteht erheblicher Bedarf und bei Sanierungen müssen natürlich die aktuellen raumakustischen Massnahmen beachtet werden.

Ralf Harder: Würden Sie den Stand der Technik als ausgereift bezeichnen? Oder wie würde man heute bauen, damit das Gebäude wirklich Wert und Funktionalität behält, also „zukunftsfähig“ ist?

Dr. Andreas Rabold: Ich würde bei der Planung eines Gebäudes nicht so sehr die Anforderungen derzeit noch gültiger Normen, sondern die Zufriedenheit und das subjektive Empfinden des Bauherrn in den Mittelpunkt stellen. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die Einbindung des Bauherrn in den Planungsprozess, damit er in der Lage ist, sich aktiv für ein bestimmtes Schallschutzniveau zu entscheiden. Wird die schalltechnische Auslegung eines Gebäudes mit der Zielsetzung eines zufriedenen Bauherrn und Bewohners geplant, hat sie für mich die beste Voraussetzung, zukunftsfähig zu sein.

Christian Burkhart: Das sehe ich auch so. Öffentlich-rechtliche Vorgaben verlieren zunehmend an Bedeutung – hier hat sich die gebaute Realität inzwischen deutlich weiterentwickelt. Allerdings sind wir noch nicht da angekommen, wo wir aus technischer Sicht hin sollten. Positiv ist hierbei zu sehen, dass mit der VDI-Richtlinie 4100 und der DEGA-Empfehlung 103 mehr Transparenz geschaffen wird. Gerade mit dem Schallschutzausweis der DEGA-Empfehlung 103 wird das doch recht komplexe Thema der Bauakustik auch für Laien verständlich aufbereitet und dargestellt.

(Dieses Gespräch ist eine unveränderte Wiedergabe des im Fachmagazin „LIGNO“ erstmals veröffentlichten Fachbeitrags)

Dr. Andreas Rabold
Prüf- und Produktingenieur am ift Rosenheim (www.ift-rosenheim.de) sowie Lehrbeauftragter an der Hochschule Rosenheim. Lehr- und Forschungsschwerpunkt Bau- und Raumakustik für den Holzbau (www.fh-rosenheim.de)

Dipl.-Ing. Christian Burkhart
Inhaber des Akustikbüros Schwartzenberger und Burkhart (www.akustikbuero.com) und Vorsitzender des Fachausschusses Bau- und Raumakustik bei der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA, www.dega-akustik.de)

Dipl.-Ing. Ralf Harder
Marketingleiter bei Lignotrend. Er führte das Interview mit den beiden Bauphysik-Experten.