Vom Zimmererlehrling zum Systemhersteller

Vom sägefrischen Bauholz zum modernen Massivholzbau – und weiter…

Mitte der 60er Jahre entschied ich mich als 14-Jähriger für eine Zimmererlehre und damit für den Baustoff Holz. Das Image des Zimmererberufs war damals nicht allzu zukunftweisend: Die Entwicklung des Bauwesens legte Vergleiche mit dem Berufsstand der Wagner und der Küfer nah, die mit der modernen Technik ebenfalls an Bedeutung verloren. Als meine Tante von meiner Berufswahl erfuhr, war ihre spontane Reaktion: „Hast Du nichts Gescheiteres gefunden?“

Werner Eckert

Der Dachstuhl eines durchschnittlichen Einfamilienhauses, wie wir jede Woche einen aufrichten durften, bestand aus 3-8 m³ sägefrischem Bauschnittholz für die Dachsparren und -pfetten. Für den Rest des Hauses spielte Holz keine Rolle – es wurde gemauert oder betoniert.

Wissensrückstand prägte Image

Wissen über die (Holz-)Bauphysik war bei den Ausführenden aus meiner Sicht nur spärlich vorhanden und auch seitens der Schule wurde es nicht vermittelt. Objekte aus der damaligen Zeit, bei denen bauphysikalisch fragwürdige Lösungen umgesetzt wurden, sind oft seit langem zurückgebaut, haben aber zumindest deutlich an Wert verloren.

So erlitt die Holzbauweise einen Imageschaden. Und auch wenn eine langsame Verbesserung im Gang ist, ist es doch so, dass in breiten Teilen der Bevölkerung dem Holzbau dieses Image aus der damaligen Zeit bis heute noch anhaftet.

Doch zwischenzeitlich hat die Branche eine beeindruckende technische Entwicklung in eine sehr positive Richtung durchlaufen. Es gibt ausreichend Wissen, wie langlebige Produkte und Bauteile umgesetzt werden können.

Brettschichtholz startet den Wandel

Mit dem Ausbau der industriellen Fertigung von Brettschichtholz (früher Leimholz genannt) in den 70er Jahren, begann aus meiner Sicht die Entwicklung in diese richtige Richtung: Nun zerlegte man den Baumstamm in Teilquerschnitte, um anschließend die technisch getrockneten Brettlamellen wieder zu einem eigenspannungsarmen Gesamtquerschnitt zusammenzufügen. So verbessert sich die qualitative Ausbeute bei der Nutzung des Baumstammes und zugleich werden die im Holz natürlich auftretenden Spannungen und Risse minimiert. Großer Vorteil ist die höhere Formhaltigkeit und damit die höhere Qualität und Genauigkeit.

Die Einführung der Gefährdungsklasse 0 in der DIN 68800 in den 80er Jahren, sowie die Erkenntnis der wichtigen Rolle von Gebäudedichtigkeit und der Vorteile weniger diffusionsdichter Bauweisen Mitte der 90er Jahre waren weitere Meilensteine für die Qualität im Holzbau: Das trockene Holz durfte nun in vielen Bereichen ohne chemische Behandlung eingesetzt werden, die Gefahr bauphysikalischer Schäden wurde reduziert.

Ausgangsmaterial für moderne Holzwerkstoffe wie Brettschichtholz und Brettsperrholz: Seitenware-Bretter. Foto: Röder, Bischweier.

Formstabile Flächen für die Architektur

Im Dezember 1991 hatte ich die Idee, Sägewerksnebenprodukte (Seitenware) kreuzweise zu verleimen und flächige, geschosshohe Blöcke aus massivem Holz herzustellen, anfangs als tragendes Wandelement, später endlosgefertigt als Decken- und Dachelemente. Damals bezeichneten wir das Produkt noch als „Lignotrend-Holzblocktafel“, aber es war die Geburtsstunde des Werkstoffs Brettsperrholz, wie heute die korrekte neutrale Benennung ist.

Brettsperrholz ist heute in aller Munde. Die Entwicklung vom stabförmigen Balken zum flächigen, massiven und dabei formstabilen Element war ein weiterer Meilenstein des Holzbaus, der der Architektur neue gestalterische Spielräume eröffnet hat. Die flächige Bauweise kann zudem mit der Sichtbarkeit von Holz am fertigen Bauteil punkten, die zudem beim Innenausbau spart.

Traditionelles Sparrendach abgelöst durch Brettsperrholz-Flächen: Die Innenansicht der Dachfläche wird durch die BSP-Streifen gebildet. Foto: Herlet, Köln

Technische Leistungsfähigkeit weiter steigern

Aus meiner Sicht ist der nächste Entwicklungsschritt, auch die statischen und bauphysikalischen Spielräume zu erweitern. Wenn die Leistungsfähigkeit der Bauteile aus Brettsperrholz derartig gesteigert wird, kann aus funktionaler Sicht den Anforderungen an nachhaltiges Bauen ideal begegnet werden, um auch die Märkte des urbanen Bauens zu erschließen.

Um die nicht ganz optimalen Holzeigenschaften, insbesondere im Bereich Schallschutz, zu kompensieren, verfolgen wir daher den Ansatz, die kreuzweisen Brettlagen auf Abstand anzuordnen, so dass Ergänzungsmaterialien wie Gewichtsschüttungen, Splitt oder Holzweichfaserplatten eingebracht werden. Zur materialeffizienten Steigerung der Tragfähigkeit bauen wir bereits heute unsere Elemente seltener als klassische voll massive Elemente, sondern meist als Brettsperrholz-Rippen- bzw. -Kastenelemente auf.

Wichtig für den Planer: Neutral geprüfte, mit Zahlen, Daten und Fakten belegte Kennwerte der Gesamtbauteile, also der Kombination des Elements mit Zusatzschichten. Denn nur geprüfte Lösungen bieten Planern die Sicherheit bezüglich der Gebrauchstauglichkeit der Gebäudeteile aus Holz, die sie gegenüber den Investoren zu verantworten haben.

Materialeffiziente Brettsperrholz-Rippenelemente ermöglichen z.B. in Deckenbauteilen, Zusatzanforderungen wie Installationen, den Schallschutz oder die Raumakustik zu lösen. Illustration: Kirchner, Hamburg

Marktanteile auch im Urbanen ausbaufähig

Kann der Holzbau eine solche Nachhaltigkeit auch auf der Ebene der Gebäudenutzbarkeit und damit des Gebäudewerts bieten, so wird das sein Image auch langfristig noch weiter verbessern.

Lignotrend hat in der bis 2012 zwanzigjährigen Evolution seiner Produkte zum heutigen hohen Reifegrad aber vor allem von der ständigen Kooperation mit Verarbeitern, Planern und Investoren profitiert. Ich bin froh, dass wir von Anfang an den Weg der Kommunikation über Anforderungen und Lösungen eingeschlagen haben und dankbar für das Vertrauen, die Offenheit und das Engagement, mit dem die Entwicklung – bewusst oder unbewusst – begleitet und gefördert wurde.

In den vergangenen 45 Jahren hat sich das Verhältnis von Holzpreis zu Lohnaufwand von 1:30 auf 1:4 verändert. Diese Verschiebung um einen Faktor von mehr als 7 spricht für die industrielle Vorfertigung. Multifunktionale Flächenbauteile von hoher bautechnischer Qualität, die dem massiven Holzbau im urbanen Bereich weitere Marktanteile verschaffen, können hier am präzisesten und wirtschaftlichsten hergestellt werden.

Und doch entscheiden am Ende die Nutzer. Wenn es bei ihnen gelingt, den Naturbaustoff Holz modern und edel in Szene zu setzen und so „Lust auf Holz“ zu wecken, ist aus meiner Sicht die wichtigste Grundlage für die Freisetzung enormer Marktanteile für den Holzbau geschaffen.

Meine Tante wäre beeindruckt.

Frühes Pilotprojekt für mehrgeschossiges, urbanes Bauen auf Basis von Lignotrend-Brettsperrholzkomponenten: Der „Lignopark“ in Kreuztal (Planung: Arlt, Kreuztal, Baujahr 1999) Foto: Herlet, Köln.